Die Gegenposition: Rekordzahlen als Menetekel
Nvidia hat am 2. September 2026 die besten Zahlen seiner Geschichte vorgelegt: 96,2 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn kletterte um 126 Prozent auf 59,7 Milliarden Dollar. Für das kommende Geschäftsjahr stellt das Unternehmen ein Wachstum von rund 70 Prozent in Aussicht — Analysten hatten mit 45 Prozent gerechnet.
Die Börse reagierte trotzdem mit einem Schulterzucken. Der Grund, den die Finanzpresse gerade genüsslich seziert: Ein wachsender Teil der „Nachfrage" nach KI-Chips wird von Nvidia selbst mitfinanziert — über milliardenschwere Beteiligungen und Abnahmegarantien gegenüber Cloud-Anbietern wie CoreWeave, Nebius und Lambda, die wiederum bei Nvidia einkaufen. Die Forderungen gegenüber Kunden haben sich binnen sechs Monaten von 38,5 auf 63,1 Milliarden Dollar fast verdoppelt. Kommentatoren sehen darin ein Alarmsignal: Gerät dieses Konstrukt ins Wanken, wird aus dem größten Gewinner der KI-Rally ihr größter Brandbeschleuniger.
Die Schlussfolgerung, die daraus gerade überall gezogen wird: Vorsicht, Blase. Und von da ist es nur ein kleiner Schritt zu: Also war die ganze KI-Sache doch übertrieben.
Kursverlauf ist nicht Wirkung: die Dot-Com-Lehre
Ich widerspreche der ersten Hälfte dieses Satzes nicht. An den Börsen bildet sich gerade zweifellos Überschwang — Bewertungen, Zirkelfinanzierungen, Wachstumsversprechen, die sich nur erfüllen, wenn buchstäblich jedes Unternehmen der Welt seine IT-Infrastruktur austauscht. Das wird sich irgendwann korrigieren. Genau das ist im Jahr 2000 mit den Dotcom-Aktien passiert.
Nur: 2001 platzte die Dotcom-Blase, und trotzdem hat das Internet in den folgenden zwei Jahrzehnten praktisch jede Branche von Grund auf verändert — radikaler, als selbst die euphorischsten Analysten des Jahres 2000 zu prognostizieren wagten. Amazon verlor 2001 über 90 Prozent seines Börsenwerts. Heute ist es eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. Der Kurs sagte etwas über die Erwartungen der Anleger im Jahr 2000. Er sagte nichts über die tatsächliche Bedeutung der Technologie zwanzig Jahre später.
Genau diese Verwechslung wiederholt sich gerade. Eine überhitzte Finanzierungsstruktur bei einzelnen Anbietern ist eine Aussage über Kapitalmärkte. Sie ist keine Aussage darüber, ob die zugrunde liegende Technologie etwas taugt. Wer beides gleichsetzt, hat entweder die Geschichte vergessen oder nie richtig hingeschaut, was gerade technologisch passiert.
Woher die Skepsis wirklich kommt
Und damit zur eigentlich interessanten Frage: Woher kommt das Kleinreden? Meine These: meistens nicht aus Erfahrung, sondern aus deren Abwesenheit.
Das lässt sich sogar belegen. Der Edelman Trust Barometer Flash Poll vom November 2025 hat unter anderem gefragt, warum Menschen KI ablehnen. Ergebnis: Nur 18 Prozent der KI-Ablehner geben überhaupt eine schlechte eigene Erfahrung als Grund an. Die Skepsis ist in der übergroßen Mehrheit der Fälle antizipatorisch — man lehnt ab, was man sich vorstellt, nicht was man erlebt hat. Umgekehrt zeigt eine YouGov-Erhebung vom Oktober 2025: Wer KI intensiv nutzt, vertraut ihr deutlich stärker als der Durchschnitt — 82 Prozent gegenüber 69 Prozent, volles Vertrauen sogar doppelt so häufig.
Damit will ich die Skepsis nicht komplett wegwischen. Eine Gallup-Umfrage aus diesem Jahr zeigt: Beschäftigte, die KI am Arbeitsplatz nutzen müssen, werden über die Zeit tendenziell skeptischer — 39 Prozent sagen inzwischen, KI schade mehr als sie nütze, 2024 waren es 31 Prozent. Schaut man genauer hin, treibt dort vor allem die Angst um den eigenen Job die Stimmung, nicht die Qualität der Werkzeuge selbst. Aufgezwungene Nutzung aus Angst ist etwas fundamental anderes als freiwillige, neugierige Auseinandersetzung mit einem Werkzeug. Wer das nicht unterscheidet, wirft zwei völlig verschiedene Phänomene in einen Topf.
Wer KI kleinredet, hat sie meistens nicht wirklich benutzt. Kein Agent, keine echte Textarbeit, kein Aha-Moment. Nur Distanz und Bauchgefühl.
Der eigene Beleg: arbeiten mit dem Werkzeug, nicht reden darüber
Ich mache aus meiner eigenen Praxis keinen Hehl: Diesen Text, wie die meisten Artikel auf dieser Seite, verfasse ich mit KI-Unterstützung — recherchiert, redigiert, verantwortet unter meinem eigenen Namen. Wer glaubt, das sei technisch nicht möglich oder führe zwangsläufig zu seelenlosem Textmüll, hat vermutlich noch nie ernsthaft mit einem fortgeschrittenen KI-Agenten an einem komplexen, redaktionell anspruchsvollen Thema gearbeitet.
Das ist kein Argument für „KI kann alles". Es ist ein Argument gegen das Urteil aus der Distanz. Wer souveräne intellektuelle Arbeit — zu Ökonomie, Philosophie, Gesellschaft — mit diesen Werkzeugen tatsächlich produziert hat, urteilt anders über ihre Substanz als jemand, der dazu nur die Finanzmarkt-Schlagzeilen liest.
Konsequenz: Liquidität statt Ausstieg
Was folgt daraus für mich ganz praktisch? Ich halte bewusst Liquidität — nicht um bei der ersten Kurskorrektur panisch auszusteigen, sondern um nachzukaufen, wenn es kracht. Das ist keine Anlageempfehlung, sondern meine persönliche Strategie, und sie spiegelt genau die Unterscheidung wider, um die es in diesem Artikel geht: Den Überschwang an der Börse preise ich ein. An der technologischen Substanz halte ich fest.
Blase an der Börse: ja, mit ziemlicher Sicherheit, irgendwann. Blase bei der Wirkung von KI auf Arbeit, Produkte und Wissensarbeit? Das würde ich nur behaupten, wenn ich das Werkzeug selbst nicht ernsthaft in der Hand gehabt hätte. Wer über die eine Blase redet, um der anderen Frage auszuweichen, hat vermutlich genau das getan.
Quellen
- Nvidia Q2 FY2027 Zahlen & Marktreaktion: wallstreet-online.de, 2.9.2026 · deutsche-wirtschafts-nachrichten.de
- Edelman Trust Barometer Flash Poll: edelman.com, 18.11.2025
- YouGov-Umfrage zu Vertrauen & Nutzungsintensität: yougov.com, 20.10.2025
- Gallup-Umfrage zu Skepsis bei Pflichtnutzung: Fast Company